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Talk – Wie steht es wirtschaftlich um die Schweiz?

27.12.2023
Felix Niederer
Zu Gast: Prof. Dr. Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker Universität Zürich

Professor Tobias Straumann, einer der bekanntesten Schweizer Ökonomen und Experte für Wirtschaftsgeschichte, spricht in unserem Podcast über die wirtschaftliche Lage der Schweiz und die Herausforderungen der Gegenwart.

Die wirtschaftliche Lage der Schweiz

Felix Niederer: Als Finanzhistoriker haben Sie sich intensiv mit den wirtschaftlichen und geopolitischen Krisen der Vergangenheit beschäftigt. Wie steht es heute um die Schweiz?

Professor Tobias Straumann: Wirtschaftlich gesehen geht es uns besser als je zuvor, zumindest im Durchschnitt. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den letzten 150 Jahren verneunfacht oder sogar verzehnfacht. Aber natürlich gibt es Herausforderungen und Krisen, die uns Sorgen bereiten.

Felix Niederer: Wenn wir auf die Wirtschaft schauen, stellt sich die Frage, warum die Schweiz so erfolgreich ist. Was sind die Erfolgsfaktoren?

Professor Tobias Straumann: Wir sind ein integraler Bestandteil Europas, dem Kontinent, auf dem die industrielle Revolution ihren Ursprung hatte. In den letzten 150 Jahren zeichnet sich das moderne Wirtschaftswachstum durch einen kontinuierlichen Fortschritt in der Produktivität aus. Jahr für Jahr werden wir reicher, weil wir effizienter sind und Dinge besser machen als zuvor. Betrachten wir beispielsweise die Landwirtschaft vor 200 Jahren: Damals benötigte man Dutzende von Arbeitskräften für ein Feld, die eine ganze Woche lang arbeiten mussten. Heute erledigt ein Traktor dies in einer Stunde. Solche Innovationen haben uns wohlhabend gemacht.

Vor dieser Zeit gab es zwar auch technologische Durchbrüche, aber sie waren isoliert. Was heute besonders ist, ist die ständige Innovation in allen Wirtschaftsbereichen. Die Schweiz, als Teil davon, profitiert besonders. Ein möglicher Grund dafür ist ihre geografische Lage. Sie liegt günstig an den wichtigen europäischen Handels- und Migrationsströmen, was bedeutet, dass im Laufe der Jahrhunderte viele Menschen in die Schweiz gekommen sind, die wirtschaftlich viel mitgebracht haben.

Zusätzlich dazu halte ich unsere Institutionen für gut strukturiert. Die Bevölkerung kann Fehlentwicklungen korrigieren. Wir können sagen: «Nein, das wollen wir nicht.» Ich glaube, es ist wichtig, dass die Politik in Schach gehalten wird. Wenn man sie zu sehr gewähren lässt, neigen Politiker dazu, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, was nicht immer den Bedürfnissen der Bevölkerung entspricht. Dieses Phänomen zeigt sich in vielen Ländern, wo die Elite ihre eigene Agenda entwickelt, die oft dem gegenüber steht, was für die breite Bevölkerung gut wäre.

Felix Niederer: Trotz des Erfolgs gibt es immer Raum für Verbesserungen. Gibt es Bereiche, in denen die Schweiz sich noch weiterentwickeln kann?

Professor Tobias Straumann: Ein Bereich, den ich kritisch sehe, ist die Bildung. Die Grundschule hat an Qualität verloren. Das führt dazu, dass die Leute die Grundfertigkeiten (Lesen und Schreiben) nicht mehr beherrschen. Auch die Energiepolitik macht mir Sorgen, vor allem der Ausstieg aus der Kernenergie ohne adäquaten Ersatz. Wir haben ein Atomkraftwerk abgeschaltet, bevor wir einen Ersatz hatten. Das nächste muss wahrscheinlich 2030 abgeschaltet werden. Auch hier haben wir keinen Ersatz. Man sieht, dass die Solar- und Windoffensive nirgendwo hinreicht. Das ist auch viel zu unregelmässiger Strom und da muss jetzt was passieren, sonst haben wir eine grosse Lücke.

Vergleich mit den USA und geopolitische Herausforderungen

Felix Niederer: Vergleichen viele die Schweiz mit den USA. Wie erklären Sie das Wachstum in der Schweiz im Vergleich zu den USA in den letzten Jahren?

Professor Tobias Straumann: Ein direkter Vergleich ist schwierig, da die USA eine viel grössere und anders strukturierte Wirtschaft haben. Die USA sind global führend, vor allem im Technologiesektor. Die Schweiz hingegen bietet einen hohen Lebensstandard und gute soziale Sicherheit.

Die USA zeichnen sich durch einen stark wettbewerbsorientierten Ansatz aus, sowohl international als auch intern. Hier gilt das Prinzip: Durchsetzen und aufsteigen oder nicht mithalten und auf niedrigem Niveau verharren, mit der Möglichkeit eines schnellen Abstiegs, wenn es nicht gut läuft. Obwohl es nicht überrascht, dass das Pro-Kopf-Wachstum in den USA höher ist, ist es wichtig zu betonen, dass dies im Durchschnitt nicht unbedingt zu einem besseren Lebensstandard für die Bevölkerung führt. Europa bietet eine gute Bildung, was die Chancen auf einen Aufstieg in die Mittelschicht erhöht.

Die Schweiz hingegen besticht durch ihre Pharmaindustrie und ihre globale Ausrichtung, die es erlaubt, Innovationen aus dem Ausland zu übernehmen. Trotz des rückläufigen Finanzplatzes ist die Schweizer KMU-Szene wirtschaftlich sehr erfolgreich. Auch wenn die Schweiz in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit nicht mit den USA mithalten kann, ist die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit insbesondere der kleinen und mittleren Unternehmen phänomenal. Um die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz muss man sich also keine Sorgen machen.

Die fehlende Präsenz grosser Technologieunternehmen

Felix Niederer: Sie haben auch Innovationen angesprochen, aber im Vergleich zu den USA fehlen nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Europa, bedeutende Tech-Unternehmen. Haben wir in den 80er Jahren die Gelegenheit dazu verpasst? Wir verfügten über hochqualifizierte Informatiker wie Niklaus Wirth, die international führend waren. Möglicherweise hätten wir zu dieser Zeit unser eigenes Silicon Valley etablieren können.

Professor Tobias Straumann: Das ist eine interessante Frage. Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu. Für Europa würde ich sofort zustimmen. Aber für die Schweiz ist es schwierig, da wir einen kleinen Markt haben. In dieser Branche mag der Export nicht mehr so schwierig sein, weil er mehr oder weniger standardisiert ist, aber es erfordert dennoch bestimmte Voraussetzungen, wie sie im Silicon Valley existieren. Dort besteht eine enorme Konzentration von Universitäten und Unternehmen. Das Grundkapital und der Markt sind gross, und es gibt Einwanderung, wo die Besten der Besten dorthin kommen. Das ist etwas, was ein kleines Land nicht bewältigen kann. Das finde ich für die Schweiz nicht tragisch. Es wäre schlimm, wenn wir den Anschluss verpassen würden, aber es gibt immer wieder Unternehmen, die interessante Anwendungen entwickeln. Aus dem gleichen Grund haben wir auch keine Autoindustrie. Wir können als Zulieferer fungieren, aber es gibt keine Autoindustrie in der Schweiz. Für die Pharmaindustrie ist es eine Ausnahme, weil sie sich historisch schnell auf einzelne Gebiete konzentrieren konnte.

Geopolitische Herausforderungen und die neue Realität

Felix Niederer: Lassen Sie uns noch einmal über die geopolitischen Konflikte, die wir derzeit erleben, sprechen. Nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 wurde das Ende der Geschichte ausgerufen. In den folgenden Jahren hatten wir eine Phase, ohne grössere Konflikte. Die USA blieben als einzige Supermacht unbestritten. Aber spätestens mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine ist dieses Bild zerbrochen. Neben dem Ukraine-Konflikt haben wir nun auch den Nahostkonflikt, der die ganze Welt beschäftigt. Unsicherheiten gibt es auch bezüglich Taiwan. Es scheint, als sei die Zeit ohne Konflikte vorbei.

Professor Tobias Straumann: Ja, eindeutig. Wie Sie sagten, war diese Zeit wirklich speziell, und ich würde sagen, sie endete schon früher. Der Wendepunkt war vielleicht 2008 mit der Finanzkrise, die zeigte, dass Globalisierung kein Selbstläufer ist. 2008 gab es auch die Intervention Russlands in Georgien. Georgien wollte der NATO beitreten, doch der Westen hat nicht ausreichend reagiert, und Georgien wurde stark in den russischen Einflussbereich zurückgezogen. Hier wurde bereits deutlich, dass es nicht nur in eine Richtung geht.

Felix Niederer: Mit der Besetzung der Krim wurde das noch offensichtlicher.

Professor Tobias Straumann: Genau. Und dann sind wir träge geworden. In den letzten 20 Jahren lief vieles gut, aber nicht alles. Afghanistan und der Irak waren Problemzonen, ebenso der Jugoslawienkrieg in den frühen Neunzigerjahren. Es gab Anzeichen dafür, dass wir vielleicht zu optimistisch sind, aber es schien, als hätten wir es überstanden. 2014 dann der Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine. 2015 sagte Bundeskanzlerin Merkel, dass wir die zweite Röhre für das Erdgas aus Russland definitiv bauen würden. Das war naiv.

Der Westen wird oft unterschätzt, und das ist gefährlich. Die Anderen sollten wissen, dass der Westen stark reagieren wird. Das müssen wir immer wieder signalisieren. Präventiv handeln, aufrüsten und klare Signale senden. Es ist eine Illusion zu denken, dass Abrüstung zu Frieden führt. Die Welt wird wohl nie ganz ohne Konflikte sein, aber wir können besser präventiv handeln.

Wirtschaftliche Anliegen und steigende Staatsschulden

Felix Niederer: Neben den geopolitischen Herausforderungen, die wir haben, ist auch die Staatsverschuldung eine Herausforderung. Die Schweiz ist zwar hier ein Musterschüler, aber die USA haben eine enorme Staatsverschuldung, die ständig wächst. Ist das nachhaltig?

Professor Tobias Straumann: Nein, sicher nicht. Im Moment sieht man keinen überparteilichen Konsens, dass man das angehen muss. Es sieht nicht gut aus. Die hohen Zinsen belasten die Amerikaner enorm, und das drängt andere Ausgaben in den Hintergrund. Eine Steuererhöhung und klare Ausgabenkürzungen wären nötig, aber das ist im Moment unmöglich. Wahrscheinlich wird man, wenn man keinen Konsens findet, zu Finanzrepression greifen. Das bedeutet, dass Sparer enteignet werden.

Felix Niederer: Nicht alle Zentralbanken haben nur das Ziel, die Inflation niedrig zu halten. Oft haben sie auch das Ziel der Vollbeschäftigung.

Professor Tobias Straumann: In Europa steht auch die Stabilisierung des Euros im Mittelpunkt, der bisher noch nicht seine volle Stabilität erreicht hat. Trotz der Bemühungen der Europäischen Zentralbank (EZB) in den letzten 15 Jahren, die politische Lage zu beruhigen, zeigt sich, dass dies nicht ausreichend funktioniert hat. Das zentrale Problem besteht darin, dass die Währungsunion politisch unterschiedliche Länder mit verschiedenen mentalen Grundhaltungen vereint. Insbesondere bei Fragen der Staatsausgaben herrschen unterschiedliche Ansichten zwischen dem Süden und dem Norden Europas vor.

Deutschland verfolgt eine bestimmte finanzpolitische Ausrichtung, während der Süden eher auf Sparsamkeit setzt. Dennoch besteht ein gemeinsames Wachstumsproblem innerhalb der Eurozone. Um sich weiterzuentwickeln, sollte die Eurozone eine differenzierte Geld- und Währungspolitik verfolgen. Das Zusammenführen starker und schwacher Regionen in einer Währungsunion, wie wir es auch in der Schweiz beobachten, gestaltet sich als schwierig.

Die EU sollte sich darüber im Klaren sein, dass es nicht nur Migration aus dem Ausland gibt, sondern auch Binnenmigration, die aufgrund von mentalen und sprachlichen Unterschieden herausfordernd ist. Der EU-Wirtschaftsraum ist keineswegs homogen, und dies beeinflusst auch den Technologiesektor. Die Schwierigkeiten bei der Nutzung von Grössenvorteilen treten auf, da Innovationsräume fragmentiert sind und das Wachstum unterschiedlich schnell erfolgt. Es handelt sich hierbei um eine ungelöste Herausforderung.

Die Zukunft des Schweizer Finanzsektors

Felix Niederer: Eine der letzten Krisen, die wir in der Schweiz erlebt haben, betraf den Finanzplatz. Der Fall der Credit Suisse (CS) und die politische Entscheidung, dass die UBS die CS übernehmen sollte – dies hat dazu geführt, dass wir jetzt nur noch eine Grossbank in der Schweiz haben, und diese ist noch grösser geworden. Wie sieht die Lösung aus, welche Optionen hat die Regierung in der Schweiz, falls sich in einigen Jahren die fusionierte Bank erneut in eine solche Situation begibt und es einen Bankencrash gibt?

Professor Tobias Straumann: Das kann man nicht ausschliessen. Daher sollten wir uns darauf vorbereiten. Es gibt im Grunde zwei Denkschulen: Einige sagen, man sollte die bestehende Regulierung verbessern, der FINMA mehr Kompetenzen geben, das Eigenkapital weiter erhöhen und die Liquidität besser regeln. Man könnte bestimmte Kategorien von Wertpapieren stärker gewichten. Das wäre eine Anpassung aufgrund der Erfahrungen aus der CS-Krise. Dann gibt es diejenigen, die sagen, dass man radikale Änderungen vornehmen muss. Eine Variante wäre, die Eigenkapitalvorschriften enorm zu erhöhen, um mehr Zeit für die Rettung der Bank zu haben. Politisch halte ich das jedoch für aussichtslos. Eine Änderung, die ich vorschlage, ist, bei der Krisenintervention viel entschlossener zu handeln. Man sollte viel früher eingreifen, klare Indikatoren wie den Aktienkurs und die Versicherungszüge nutzen und die Regulatoren zwingen, frühzeitig zu intervenieren, sie aber auch unterstützen, anstatt ihnen später Vorwürfe zu machen, dass sie zu früh eingegriffen haben. Der Anreiz sollte sein, rechtzeitig zu handeln. Bisher war der Anreiz immer, so lange wie möglich zu warten, um nicht den Vorwurf zu bekommen, zu früh gehandelt zu haben. Das muss sich ändern.

Felix Niederer: Herr Straumann, wir haben noch nicht alle Probleme in der Schweiz und auf der Welt gelöst, aber es ist auch nicht alles aussichtslos. Es gibt viele Möglichkeiten. Wir müssen die Probleme angehen und dürfen sie nicht aufschieben. Vielen Dank für das Gespräch und bis zum nächsten Mal.

Disclaimer: Wir haben für den Inhalt dieses Artikels grosse Sorgfalt angewendet. Trotzdem können wir Fehler nicht ausschliessen. Die Gültigkeit des Inhalts beschränkt sich auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Über den Autor

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Felix Niederer

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.

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