
Buy the dip: Warum Warten auf den Einbruch Rendite kostet
Niemand kauft gerne zu teuer. Deshalb warten viele Anlegerinnen und Anleger mit dem Einstieg, bis die Kurse gefallen sind. Im Einzelfall geht das auf. Fast 37 Jahre am Schweizer und am globalen Aktienmarkt zeigen jedoch: Wer auf den Einbruch wartet, bezahlt dafür mit mehreren hunderttausend Franken.
Beim Investieren gibt es zwei Grundhaltungen. Die einen legen ihr Geld an, sobald es verfügbar ist – meist per Dauerauftrag, weil auch der Lohn monatlich kommt. Die anderen halten es auf dem Konto zurück und warten auf den günstigen Moment.
Wir vergleichen die beiden Haltungen anhand von Rita und Emil. Beide starten im Januar 1990 mit 1'000 Franken und sparen danach jeden Monat weitere 1'000 Franken. Der einzige Unterschied: Rita investiert das Geld sofort, Emil parkiert es auf dem Konto, bis der Markt ihm günstig genug erscheint.
Rita mag sich nicht den Kopf übers Timing zerbrechen. Diszipliniert investiert sie ihre monatliche Sparquote am Schweizer Aktienmarkt. Sie kauft also zu Beginn jedes Monats Anteile eines ETF, der den Swiss Performance Index (SPI) abbildet.
Emil will auf keinen Fall zu teuer kaufen. Steigen die Kurse, hält er den Markt für überbewertet und wartet auf die Korrektur. Er kauft erst, wenn der SPI zehn Prozent unter seinem letzten Allzeithoch notiert. Seit 1990 ist das acht Mal vorgekommen.
Bis dahin sammelt sich auf seinem Konto jeweils ein stattlicher Betrag, den er dann auf einmal investiert – samt Zinsen, sofern es welche gab. Zugrunde gelegt wurden die Schweizer Geldmarktzinsen, also der Dreimonats-LIBOR bzw. nach dessen Abschaffung der SARON. Zwischen den Jahren 2015 und 2022 waren diese Sätze negativ, was jedoch für Kleinsparer keine Negativzinsen zur Folge hatte. Deshalb gilt für diese Periode ein Zinssatz von null Prozent.
Ende August 2026, nach fast 37 Jahren, besitzt Rita 2,3 Millionen Franken. Emil kommt auf knapp 1,8 Millionen. Beide haben exakt gleich viel eingezahlt. Der Unterschied von über einer halben Million Franken hat einen einzigen Grund: Aktienmärkte steigen häufiger, als sie fallen, und eine Hausse dauert typischerweise länger als eine Baisse. Emils Geld liegt jahrelang auf dem Konto und verpasst genau diese Phasen.
Kosten und Steuern lassen wir in diesem Vergleich weg. Sie mindern die Rendite von beiden, ändern aber nichts an der zentralen Erkenntnis.
Vielleicht ist Emil nur nicht geduldig genug. Nehmen wir an, er wartet auf echte Bärenmärkte und kauft erst nach einem Einbruch von 20 Prozent. Seit 1990 gab es davon vier. Doch das Ergebnis wird nicht besser, sondern schlechter: Er kommt auf gut 1,4 Millionen Franken, rund 860'000 Franken weniger als Rita. Emil hat zwar jedes Mal am Tiefpunkt zugegriffen – aber dafür noch länger mit noch mehr Geld an der Seitenlinie gestanden.
Mit anderen Worten: Rita erzielte eine Jahresrendite von 7,7 Prozent und Emil nur eine von 5,7 Prozent.
Abgesehen vom Wertzuwachs ist Ritas Stil viel bequemer. Mit Ausnahme des einmaligen Aufsetzens ihres Dauerauftrags hat sie keinen Aufwand. Hingegen muss Emil ständig den Markt beobachten und entsprechend reagieren.
Nun stellt sich die Frage, wie sich die Resultate präsentieren, wenn die beiden nicht den SPI, sondern im selben Zeitraum den viel breiter gefassten Weltindex MSCI ACWI besparen – gemessen in Franken.
Mit ihren regelmässigen Einzahlungen kommt Rita auf gut zwei Millionen Franken, erzielt also eine Jahresrendite von 7,2 Prozent. Emil erreicht 1,7 Millionen Franken, was einer Rendite von 6,5 Prozent entspricht.
Auch bei den internationalen Aktien investiert Emil jeweils sein angespartes Kapital erst nach Korrekturen von zehn Prozent. Nach der ersten Einzahlung ist das elf Mal vorgekommen – öfter als im etwas defensiver veranlagten SPI mit seinen Schwergewichten im Bereich Nahrungsmittel und Pharma.
Und wenn Emil global nur die Bärenmärkte kauft, also erst ab minus 20 Prozent? Seit 1990 gab es sechs davon, wiederum mehr als im Schweizer Markt.
Damit kommt er auf gut 1,8 Millionen Franken oder 6,7 Prozent pro Jahr – anders als im Schweizer Markt etwas besser als mit den Käufen nach kleinen Korrekturen. Bemerkenswert daran: Die günstigen Käufe im Bärenmarkt haben sich kurzfristig gelohnt. Was Emil am Ende trotzdem knapp 216'000 Franken hinter Rita zurückwirft, ist nicht der Kauf im Einbruch, sondern das Geld, das davor jahrelang auf dem Konto lag.
Das Fazit ist eindeutig: Auf den nächsten Einbruch zu warten, kostet Rendite. In allen vier Varianten – Schweiz oder Welt, minus 10 oder minus 20 Prozent – liegt Emil hinter Rita. Und zwar nicht, weil er zu teuer gekauft hätte. Jeder seiner Käufe erfolgte tatsächlich zu tieferen Kursen als das vorherige Allzeithoch. Er verliert, weil sein Geld zwischen den Käufen nicht arbeitet.
Die Frage ist am Ende nicht, wann man investiert. Sondern wie lange man es sich leisten will, Geld auf dem Konto liegen zu lassen, das eigentlich für die Aktienmärkte bestimmt ist.
Über den Autor

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.
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