«ETF-Blase» – viel Lärm um wenig Risiko?

«ETF-Blase» – viel Lärm um wenig Risiko?

17.03.2026
Felix Niederer

Der ETF-Boom hält seit vielen Jahren ungebrochen an. Man liest immer häufiger, dass passive Anlagen blind Geld in den Markt pumpten, wodurch der Markt «dumm» werde und Fehlbewertungen zunähmen. «Schlimmer als Marxismus» sei das Ganze, meinte AllianceBernstein einmal. Steuern wir auf den passiven Kollaps zu?

In den USA machen passive Anlagen, allen voran ETFs und Indexfonds, mittlerweile mehr als 50 Prozent des gesamten Aktienfondsvolumens aus. Was in den 1970er Jahren als belächelte Idee von John Bogle begann – «Suche nicht die Nadel im Heuhaufen, kaufe den Heuhaufen!» – ist heute die dominierende Kraft der Anlagewelt.

Die Befürchtung: Wenn alle passiv investieren, wird irgendwann niemand mehr Bilanzen und Erfolgsrechnungen analysieren. In der Folge kommt es zu mehr Fehlbewertungen und die Effizienz der Märkte erodiert.

Die Kritik am passiven Investieren entstammt weniger der Wissenschaft, sondern den Reihen aktiver Fondsmanager und bekannter Wall-Street-Persönlichkeiten. Im ersten Fall ist diese Kritik direkt nachvollziehbar, denn passives Investieren kostet sie Marktanteile.

Michael Burry, der durch den Kinofilm «The Big Short» zu Bekanntheit gelangte, verglich den Boom bei Indexfonds mit der Subprime-Hypothekenblase. Er kritisiert, dass die Preisfindung am Aktienmarkt nicht mehr durch fundamentale Analyse, sondern durch massive Kapitalzuflüsse in ETFs erfolgt. Cathie Wood (ARK Invest) bemängelt, dass traditionelle Indizes wie der S&P 500 rückwärtsgewandt seien und Kapital in alte Industrien lenken würden, anstatt in disruptive Innovationen.

Die Vorstellung eines passiven Kipppunkts ist in gewisser Weise faszinierend, aber bei Lichte betrachtet unbegründet. Wir erklären, warum.

Handelsvolumen: Wer die Kurse macht

ETFs halten zwar über 50 Prozent der Fondsgelder, sind aber «stumme» Besitzer. Sie kaufen und halten einfach. Und obschon passive Fonds stark gewachsen sind, stammen weiterhin über 90 Prozent des täglichen Handelsvolumens von aktiven Akteuren wie Hedgefonds, Hochfrequenzhändlern und gemanagten Aktienfonds. Die Preisbildung findet genau dort statt – je nach Nachrichtenlage in Sekundenbruchteilen.

Dazu passt ein Blick in die aktuelle Forschung: Obwohl die Wissenschaft noch über den exakten Prozentsatz der Ineffizienz-Schwelle debattiert, liefern Simulationen beruhigende Anhaltspunkte. Die Modelle zeigen, dass bereits ein Anteil von 10 bis 20 Prozent aktiver Trader ausreicht, um die Preise weitgehend effizient zu halten. Warum? Weil eben diese kleine Gruppe für den überproportionalen Teil des täglichen Handelsvolumens verantwortlich ist.

In dem Moment, in dem der Markt «dumm» wird, steigt das potenzielle Alpha (die mögliche Überrendite) an. Dies schafft einen finanziellen Anreiz für Investoren, aktiv zu werden. Der Markt trägt somit einen Selbstkorrektur-Mechanismus in sich und heilt sich selbst. 

Wenn Substanz den Abverkauf stoppt

In Krisenzeiten verkaufen Anleger ihre ETF-Anteile als Ganzes. Damit werden auch fundamental gesunde Unternehmen mitverkauft, einfach weil sie im selben Index enthalten sind. Dies kann die Volatilität durchaus erhöhen.

Doch auch hier wartet bereits die Korrektur. Würde ein wertvolles und profitables Unternehmen wie Nvidia im Rahmen eines breiten Abverkaufs plötzlich zu günstig werden, könnte es sich entweder von der Börse nehmen oder die Gelegenheit nutzen und via Aktienrückkauf zuschlagen. Das sind die ultimativen Preisanker, die kaum unterboten werden können. Doch so weit sollte es gar nicht kommen, denn die Kaufchance wäre bereits auf dem Weg dorthin zu attraktiv. Für Value-Investoren wäre es langfristig lukrativ, im Abverkauf einzusteigen. Gleichzeitig würde die Ineffizienz damit wegarbitriert.

Fazit

Für Privatanleger bleibt der ETF die erste Wahl, um kostengünstig vom Markt zu profitieren und dem Einzeltitel-Risiko zu entgehen. Ein ETF selbst setzt auch keine Preise; er akzeptiert sie lediglich. Solange es eine kritische Masse aktiver Händler gibt, die auf jede Fehlbewertung sofort mit Käufen oder Verkäufen reagieren, bleibt der Preisbildungsmechanismus intakt und die Preise bleiben «fair». Was niemand beziffern kann, ist, wie gross (oder eher klein) dieser Prozentsatz genau sein muss. Gleichgewichtskräfte werden ihn bestimmen – heute wie auch in der Zukunft.

Disclaimer: Wir haben für den Inhalt dieses Artikels grosse Sorgfalt angewendet. Trotzdem können wir Fehler nicht ausschliessen. Die Gültigkeit des Inhalts beschränkt sich auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Über den Autor

Felix Niederer
Felix Niederer

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.

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