Talk – Was die Forschung über Finanzkompetenz und Anlageverhalten sagt
Wie gut ist die Finanzkompetenz in der Schweiz und welchen Einfluss hat sie auf Vermögen und Anlageentscheidungen? Ein Gespräch mit Michael Kendzia über den Zusammenhang zwischen Bildung und finanziellem Erfolg, typische psychologische Denkfehler beim Investieren und die Frage, warum einfache, regelbasierte Strategien oft überlegen sind.
Michael, wir führen jährlich eine Finanzkompetenzstudie durch. Was kannst du dazu sagen? Wie beurteilst du die Finanzkompetenz in der Schweiz?
Sie ist eher bescheiden. In unserer Studie zur Finanzkompetenz wurden im Schnitt rund 54 Prozent der Fragen, also nur 5,4 von 10 Fragen korrekt beantwortet. Das zeigt: Es gibt noch deutliches Verbesserungspotenzial und zwar über alle Bevölkerungsschichten hinweg.
Warum ist Finanzkompetenz überhaupt so wichtig?
Der Zusammenhang zwischen Bildung und Vermögen ist sehr gut dokumentiert. Cole et al. haben zum Beispiel über «Smart Money» geschrieben und genau diesen Zusammenhang beleuchtet. Höhere Finanzbildung führt dazu, dass Menschen eher am Kapitalmarkt teilnehmen und langfristig mehr Vermögen aufbauen.
Unsere Studie zeigt ja auch, dass Bildung und Finanzkompetenz miteinander korrelieren und, dass Bildung mit Vermögen und Einkommen korreliert. Wir sehen da einen statistischen Zusammenhang.
Es ist nicht immer klar, was ist Ursache und was ist Wirkung. Kannst du dazu etwas sagen?
In der Untersuchung kam zum Vorschein, dass Menschen mit höherer Bildung 65 Prozent der Fragen richtig beantworteten, Menschen mit niedriger Bildung hingegen nur 37,5 Prozent. Das ist ein riesiger Unterschied. Bildung ist der Treiber, der dafür sorgt, dass eine Person mit höherer Finanzkompetenz gut informiert ist und letztlich bessere Anlageentscheide trifft.
Sollte man Finanzbildung bereits bei Jugendlichen fördern?
Ja, es gibt auch hierzu wirklich interessante Untersuchungen. Eine Studie von Elsa Fornero et al. mit dem Titel «Four Bright Coins Shining at Me» untersuchte das Finanzverhalten von Kindern in der Jugend. Konkret ging es um das Taschengeld von acht- bis zwölfjährigen Kindern. Dies hat sich positiv auf das spätere Leben und die Finanzentscheidungen im Erwachsenenalter ausgewirkt. Kurz gesagt: Wer seinen Kindern Taschengeld gibt, steigert dadurch langfristig ihre finanzielle Selbstsicherheit und ihr Finanzverständnis im Erwachsenenalter.
Gleichzeitig sehen wir international grosse Unterschiede im Anlageverhalten. In den USA investieren viel mehr Menschen in Aktien als in der Schweiz oder Deutschland. Woran liegt das?
Ich glaube, die Schweiz ist eher konservativ, was das Anlageverhalten angeht. Wir haben keine stark ausgeprägte Aktienkultur, sondern eher eine Vorsorge- und Absicherungskultur. Die Amerikaner sind da anders aufgestellt. In den USA gibt es mit 401k einen starken Anreiz für die betriebliche Altersvorsorge. Zudem muss man sagen, dass der Kapitalmarkt in den USA natürlich viel stärker ausgeprägt ist. Sie sind die Nummer eins unter den Volkswirtschaften weltweit.
Aktuell wird viel über eine mögliche KI-Blase diskutiert. Wie siehst du das?
Bewertungen sind aktuell hoch, insbesondere wenn man das zyklisch adjustierte Kurs-Gewinn-Verhältnis betrachtet, also das sogenannte Shiller-KGV. Historisch gesehen sind echte «Bubbles» jedoch selten.
Wir haben natürlich noch die Finanzkrise oder die Dotcom-Blase im Hinterkopf. Wenn wir aber darüber reden, dann ist es häufig keine Blase, weil das Bewusstsein dafür ja vorhanden ist. Du erinnerst dich vielleicht noch an die Dotcom-Blase. Da dachte man wirklich, ein neues Zeitalter mit dem Internet hätte begonnen. In der Zeitung tauchte plötzlich eine neue Rubrik auf: «Der neue Markt». Unternehmen wurden an der Börse kotiert, die keine Gewinne erwirtschafteten und auch gar keinen Umsatz. Wenn ich heute an Unternehmen wie Apple, Microsoft, Amazon, Google oder Meta denke, die von starken Investitionen in KI profitieren, dann sind das Unternehmen mit grossen Margen und satten Gewinnen.
Welche Rolle spielt Psychologie beim Investieren? Du hast kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Psychology of Investing – How Automation Reduces Bias» veröffentlicht, in dem es darum geht, wie Automatisierung unsere Voreingenommenheit reduziert. Kannst du uns mehr darüber sagen?
Ich würde gerne mit der Intuition anfangen. Im Kindesalter haben wir von unseren Eltern oder Freunden gehört: «Vertraue doch deinem Bauchgefühl.» Doch das hat nichts am Kapitalmarkt verloren. Der Kapitalmarkt arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und nicht mit Emotionen. Aber wir Menschen lieben nun mal Geschichten. Unser Gehirn und unsere Intuition mögen Narrative und ignorieren Wahrscheinlichkeiten. Tversky und Kahneman haben das schon Anfang der 80er Jahre untersucht. Ein ganz einfaches Beispiel:
Linda ist 31 Jahre alt, ledig, aufgeschlossen und sehr intelligent. Sie hat Philosophie studiert, war als Studentin tief besorgt über Diskriminierung und soziale Gerechtigkeit und nahm an Anti-Atomkraft-Demonstrationen teil.
Was ist wahrscheinlicher?
- (A) Linda ist Bankangestellte.
- (B) Linda ist Bankangestellte und Feministin.
Die meisten Menschen wählen (B) – obwohl das mathematisch unmöglich wahrscheinlicher sein kann als (A) allein. Das ist der Konjunktionsfehler.
Wenn ich noch auf ein anderes Thema bzw. eine andere Studie zu sprechen kommen darf, dann ist es die von Thomas Dohmen et al. aus dem Jahr 2009. Es ist ein wunderbares Paper, in dem über tausend Menschen interviewt wurden. Man hat sie gefragt: «Wie wahrscheinlich ist es, dass die Zahl oben liegt beim Münzwurf?» Sie haben die letzten Münzwürfe davor aufgeschrieben und gesagt: «Zahl, Zahl, Zahl, Kopf, Zahl, Kopf, Kopf, Kopf.» Was glaubst du? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt Zahl kommt? Die richtige Antwort lautet 50 Prozent, da die Münzwürfe voneinander unabhängig sind. 60 Prozent der Befragten wussten, dass es beim Münzwurf keine Rolle spielt, was vorher geschah. Aber da siehst du: Wir sind nur beschränkt rational. Wir suchen nach Mustern und wenn wir eines finden, glauben wir, dass es jetzt so weitergehen muss.
Und wie kann man sich davor schützen?
Automatisierung hilft enorm: Wer regelmässig investiert und sich an klar definierte Regeln hält, entzieht sich diesen psychologischen Fallen.
Also eher ein regelbasierter Ansatz statt Bauchgefühl?
Genau. Statt ständig nach dem perfekten Einstiegszeitpunkt zu suchen, sollte man konsequent und langfristig investieren, etwa über breit diversifizierte ETF. Damit nutzt man automatisch den Durchschnittskosteneffekt. Ich empfehle eine ganz einfache «Buy-and-Hold»-Strategie, und zwar über Jahrzehnte hinweg, nicht nur über Wochen oder Monate.
Viele tun sich aber schwer damit. Warum überschätzen wir uns selbst so oft?
Unsere Intuition denkt, wenn ich so sagen darf, in einem Schwarz-Weiss-Schema. Eine gute Geschichte ist auch eine gute Aktie. Ein Beispiel ist Elon Musk. Eine schlechte Geschichte ist hingegen eine schlechte Aktie. Aber der Aktienmarkt bzw. der Kapitalmarkt ist multikausal. Die Marktbewegungen werden von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Aber diese Geschichte, an die unsere Intuition glaubt, gibt uns eine Illusion der Kontrolle. Wir meinen, die Situation recht gut einschätzen zu können, nur weil Elon Musk gerade dies oder jenes tut. Dabei schaut man sich gar nicht an, wie die Marge und die Eigenkapitalrendite aussehen oder wie gut die Unternehmen mit meinem Geld arbeiten. Wachsen Umsatz und Gewinne? Das sind eigentlich die Zahlen, auf die man sich verlassen sollte.
Was würdest du Anlegerinnen und Anlegern konkret mitgeben?
Ich glaube, dass Bildung und insbesondere Finanzbildung wie ein Kompass ist, der einen durch das Leben führt. Es geht darum, den Kurs zu halten und langfristig in breit angelegte Indexfonds zu investieren.
Michael, vielen Dank für das spannende Gespräch. Es hat mich gefreut.
Über den Autor

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.

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