#65 Wie viel kann ich maximal verlieren, wenn ich in Aktien investiere?
Die meisten Anlegerinnen und Anleger stellen sich früher oder später eine zentrale Frage: Wie hoch ist die erwartete Rendite? Doch mindestens ebenso wichtig – und deutlich unbequemer – ist eine andere Frage: Wie viel können Sie mit Aktien maximal verlieren?
Wer langfristig erfolgreich investieren möchte, sollte sich nicht nur mit Chancen, sondern auch mit Risiken auseinandersetzen. Dieser Beitrag zeigt Ihnen, welche Verluste historisch möglich waren, wie Sie diese einordnen können – und worauf es in der Praxis wirklich ankommt.
Was bedeutet «maximal verlieren» überhaupt?
Wenn Sie in ein global diversifiziertes Aktienportfolio investieren, sprich breit gestreut über verschiedene Länder und Branchen, sollten Sie folgende drei Arten von Verlusten kennen und unterscheiden:
1. Kurzfristige Verluste (Tagesverluste)
Ein eindrückliches Beispiel ist der sogenannte Black Monday im Jahr 1987: Der US-Aktienmarkt verlor an einem einzigen Tag über 20 Prozent. Solche Ereignisse sind selten, aber sie verdeutlichen, wie stark Märkte kurzfristig schwanken können.
2. Maximale Rückgänge (Drawdowns)
Wesentlich relevanter ist der sogenannte Drawdown: das maximale Minus vom Höchststand bis zum Tiefpunkt während einer Krise. Diese Phase ist für viele Anleger besonders herausfordernd, da sich die Buchverluste im Portfolio konkret und dauerhaft anfühlen.
3. Dauerhafte Verluste
Entscheidend ist letztlich, ob Sie diese Verluste durch Verkäufe realisieren. So entsteht ein dauerhafter Verlust: investiertes Kapital, das Sie nie mehr zurückgewinnen. Genau hier liegt der Unterschied zwischen temporären Marktschwankungen und tatsächlichem Vermögensverlust.
Was die Geschichte über den Aktienmarkt lehrt
Ein Blick auf die grossen Krisen der vergangenen 100 Jahre hilft, das Risiko besser einzuordnen – insbesondere auf inflationsbereinigter Basis.
- Die Grosse Depression (ab 1929): Der US-Aktienmarkt verlor real rund 80 Prozent seines Wertes. Die vollständige Erholung dauerte über 25 Jahre.
- Dotcom-Blase (ab 2000): Ein global diversifiziertes Portfolio verlor etwa 50 Prozent. Die Erholung dauerte rund sechs Jahre.
- Finanzkrise (2008): Ebenfalls ein Rückgang von rund 50 Prozent, mit einer Erholungsphase von etwa vier Jahren.
- Covid-Krise (2020): Ein Einbruch von rund 30 Prozent, gefolgt von einer aussergewöhnlich schnellen Erholung innerhalb weniger Monate.
Diese Beispiele zeigen deutlich: Selbst breit diversifizierte Aktienportfolios können zwischenzeitlich rund 50 Prozent an Wert verlieren. Ein Vermögen von einer Million Franken kann sich temporär auf 500'000 Franken reduzieren – sichtbar und spürbar.
Warum die Frage nach dem «Maximum» in die Irre führen kann
Streng genommen gibt es keine absolute Obergrenze für Verluste. Theoretisch wäre auch ein vollständiger Verlust denkbar – etwa im Falle eines globalen wirtschaftlichen Kollapses. Ein solches Szenario gilt jedoch als extrem unwahrscheinlich.
Die entscheidenden Fragen lauten daher: Was ist realistisch? Und können Sie damit umgehen?
Historische Daten zeigen ein klares Muster: Seit 1970 gab es keine rollierende 16-Jahres-Periode, in der ein global diversifiziertes Aktienportfolio real negativ abgeschnitten hat.
Das bedeutet: Auch wenn Ihr Portfolio zwischenzeitlich stark an Wert verlieren kann, waren langfristige Verluste bei ausreichend langem Anlagehorizont historisch nicht zu beobachten.
Das grösste Risiko: Ihr eigenes Verhalten
Ein oft unterschätzter, aber zentraler Punkt ist Ihr Verhalten als Anleger. Die meisten dauerhaften Verluste entstehen nicht durch Markteinbrüche selbst, sondern durch falsche Entscheide in schwierigen Phasen. Wer in einer Krise aus Angst verkauft, realisiert Verluste und verpasst häufig die anschliessende Erholung.
Nicht die Krise vernichtet Vermögen. Unüberlegte Panikverkäufe in der Krise tun es. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie viel Buchverlust können Sie aushalten, ohne Ihre langfristige Strategie aufzugeben? In ruhigen Zeiten fällt die Antwort leicht, doch ihre wahre Bedeutung zeigt sich erst in turbulenten Marktphasen.
Was Ihnen konkret helfen kann
Es gibt drei zentrale Hebel, um mit den Risiken von Aktieninvestitionen besser umzugehen:
1. Die richtige Aktienquote wählen
Passen Sie Ihre Aktienquote an Ihre persönliche Risikotoleranz an. Wenn ein möglicher Verlust von 50 Prozent für Sie schwer auszuhalten ist, kann eine tiefere Aktienquote sinnvoll sein. Ein Portfolio mit 50 Prozent Aktien verliert in einer schweren Krise möglicherweise rund 25 Prozent, das ist immer noch erheblich, aber zu verkraften.
2. Den Anlagehorizont berücksichtigen
Aktien eignen sich vor allem für langfristige Anlagen. Wenn Sie Ihr Kapital in wenigen Jahren benötigen, sollten Sie nicht vollständig in Aktien investiert sein. Kurzfristige Marktschwankungen können sonst zum Problem werden.
3. Emotionale Fehlentscheidungen vermeiden
Eine strukturierte Anlagestrategie, idealerweise begleitet durch eine professionelle Vermögensverwaltung, kann helfen, impulsive Entscheidungen wie Panikverkäufe zu verhindern. Der grösste Mehrwert liegt oft nicht im «richtigen Timing», sondern in der Disziplin, investiert zu bleiben.
Fazit
Wenn Sie vollständig in Aktien investieren, müssen Sie damit rechnen, dass sich Ihr Vermögen zwischenzeitlich halbieren kann. Diese Realität ist unangenehm, aber historisch gut belegt. Gleichzeitig zeigt die Vergangenheit auch: Märkte haben sich bislang immer erholt – vorausgesetzt, Anlegerinnen und Anleger sind investiert geblieben.
Der entscheidende Faktor ist daher nicht nur das Marktrisiko, sondern Ihr Umgang damit. Oder anders gesagt: Der maximale Verlust entsteht nicht nur durch den Markt – sondern durch Entscheidungen im falschen Moment.
Haben Sie schon einmal einen grösseren Einbruch in Ihrem Portfolio erlebt – und wie haben Sie reagiert? Haben Sie gehalten? Nachgekauft? Oder doch verkauft? Schreiben Sie mir eine E-Mail über Ihre Erfahrungen.
Über den Autor

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.

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