
Die Billionen-IPOs kommen. Ein Plädoyer fürs Passivbleiben.
Das Jahr 2026 entwickelt sich zu einem Meilenstein der Finanzgeschichte. Zahlreiche «Decacorns» – Privatunternehmen mit einer Bewertung von über zehn Milliarden Dollar – drängen an die Börse. Mit dabei sind Unternehmen wie SpaceX, OpenAI und Anthropic, die für ein beispielloses Volumen an Marktkapitalisierung sorgen. Ob und wann Sie als ETF-Anleger dabei sind, hängt vom Index ab. Worauf es noch ankommt, erfahren Sie hier.
Passives Investieren wird für seine Einfachheit und die niedrigen Kosten geschätzt. In Zeiten hoher IPO-Aktivität kann manchem Anleger und mancher Anlegerin bei den umhergereichten Bewertungen schwindlig werden. Wenn ein Unternehmen mit einer Bewertung im drei- oder vierstelligen Milliardenbereich an die Börse geht, stehen Indexanbieter unter Druck, es schnell aufzunehmen, um die Marktrepräsentanz zu wahren – und der Titel landet indirekt im eigenen Depot.
Historisch betrachtet ist jeder IPO ein eigenes «wildes Tier». Es lässt sich nicht vorhersagen, wie sich der Handelsverlauf nach der Emission entwickeln wird und wann der beste Kaufzeitpunkt ist.
Zu den Indizes, die diese Neuemissionen früher oder später aufnehmen dürften, zählen die MSCI- und die Nasdaq-Indizes sowie der bekannte S&P 500. Was die Timeline der Indexinklusion und das Börsengewicht betrifft, unterscheiden sich die Indizes stark voneinander:
- S&P 500: Mit über 13 Billionen Dollar an investiertem Vermögen, die dem US-Index inzwischen folgen, ist er der Gigant punkto Börsenkapitalisierung. Eine Aufnahme in den Index dürfte den stärksten mechanischen Kauf-Effekt auslösen. Zudem erwägt S&P, den IPO-Beobachtungszeitraum von zwölf auf sechs Monate zu verkürzen.
- Nasdaq: Mit über einer Billion Dollar an getracktem Vermögen ist die Indexfamilie kein Leichtgewicht, aber eine Grössenordnung kleiner als der marktbreitere S&P 500. Die Fristen für eine Aufnahme in den Nasdaq-100 wurden deutlich verkürzt. So kann ein Mega-Cap bereits 15 Börsenhandelstage nach dem IPO in den Index aufgenommen werden. Ausserdem wird berichtet, dass Nasdaq die Mindest-Streubesitzanforderung abgeschwächt hat, um den Börsengang von Elon Musks SpaceX zu begünstigen.
- MSCI: Die Summe der US-Anlagen, die direkt über den MSCI USA investiert sind, sowie der US-Anteil innerhalb der globalen MSCI-Indizes übersteigt ebenfalls die Billionengrenze. Large Caps gelangen normalerweise in den «Early Inclusion»-Pfad und werden etwa zehn Handelstage nach dem IPO aufgenommen. Kleinere Firmen fallen in den «Standard Review», der quartalsweise erfolgt.
Bei der Indexgewichtung einer neuen Firma orientieren sich S&P und MSCI an der Streubesitz-Marktkapitalisierung und nicht an der Gesamtmarktkapitalisierung. Das heisst: Geht ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 2 Billionen Dollar an die Börse und der Streubesitz («Float») beträgt 5 Prozent, beträgt das Indexgewicht 100 Milliarden Dollar.
Anders beim Nasdaq-100: Für die Gewichtung wird die gesamte Marktkapitalisierung und nicht die streubesitzbereinigte verwendet. Bei Unternehmen wie SpaceX, die weniger als ein Drittel ihrer Aktien dem freien Börsenhandel zuteilen, wird das Indexgewicht wiederum auf das Dreifache der Streubesitz-Marktkapitalisierung «gecappt».
Summa summarum erwarten wir, dass der S&P 500 den stärksten Kaufdruck erzeugen wird, gefolgt von NASDAQ und MSCI. Beim Timing dürfte es genau umgekehrt sein.
Gewiss ist auch, dass bei jedem IPO bestimmte Sondereffekte wirken. Dazu zählen die endende Lock-up-Periode für Altaktionäre sowie spezifische Wetten, die auf eine Aufnahme in einen Index spekulieren. Ein gutes Beispiel ist Tesla: Obwohl der Börsengang damals bereits zehn Jahre zurücklag, löste die im Dezember 2020 angekündigte Aufnahme in den S&P 500 eine hohe indexbasierte Nachfrage aus. Da ETFs und Indexfonds, die den S&P 500 abbilden, die Aktie gemäss ihrer Gewichtung kaufen mussten, kletterte Teslas Kurs im Vorfeld der Aufnahme um rund 70 Prozent. Allein ETFs erwarben Tesla-Anteile im Wert von rund 90 Milliarden Dollar.
Warum die Wahl des Index relevant ist
Bei der Wahl des Index (und somit des ETFs) sind neben dem Börsengewicht auch mögliche Interessenkonflikte mit anderen Geschäftsbereichen zu berücksichtigen. Nasdaq ist eine Börse, die direkt vom Volumen und dem Prestige ihrer hochkarätigen Listings profitiert. Ähnlich verhält es sich bei Standard & Poor’s: Zur Unternehmensgruppe gehört auch eine dominierende Ratingagentur. MSCI ist ebenso gewinnorientiert, betreibt dagegen keine Börse und bewertet keine Kredite, sondern liefert Indizes und Marktdaten.
Der MSCI USA ist nur geringfügig marktbreiter als der S&P 500, doch der Unterschied zum Nasdaq ist erheblich. Dort kann das Gewicht einer einzelnen Firma am höchsten werden. Dies liegt zum einen an der Technologielastigkeit und zum anderen daran, dass die Index-Inklusion grundsätzlich auf Basis der Gesamtmarktkapitalisierung erfolgt.
Bei True Wealth ist es unsere Philosophie, dem passiven Anlageansatz treu zu bleiben und den Einfluss des mechanischen Kaufens gleichzeitig mitzudenken. Deshalb setzen wir, soweit sinnvoll, auf den MSCI USA.
Für Kunden mit einem nachhaltigen Anlageuniversum setzen wir auf das vergleichsweise strenge SRI-Pendant. Von den drei grossen IPO-Kandidaten hat Anthropic, nachdem das Unternehmen nicht mehr mit dem US-Verteidigungsministerium zusammenarbeiten darf, die grösste Chance, in die nachhaltigen US-Aktienindizes aufgenommen zu werden. Bei OpenAI und SpaceX ist das zum aktuellen Zeitpunkt weniger wahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen.
Über den Autor

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.

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