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#76 Folgen Börsenkurse dem Wirtschaftsgang?

06.10.2026
Felix Niederer

Ein solides Wirtschaftswachstum wirkt sich positiv auf die Aktienkurse aus – diese Aussage klingt einleuchtend. Dennoch stimmt sie nicht immer. In der Praxis gibt es manchmal Phasen, in denen sich die Aktienkurse von der tatsächlichen Wirtschaftslage entkoppeln. Das überrascht viele Anlegerinnen und Anleger. Doch warum ist das so?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit Ihrem Hund spazieren. Der Weg führt im leichten Nebel den Berg hinauf. Manchmal rennt der Hund übermütig voraus, weil er den Weg schon zu kennen glaubt. Dann wieder bleibt er zurück, weil es am Wegesrand etwas Interessantes zu beschnuppern gibt.

In diesem Bild entspricht der Halter der Volkswirtschaft: Sie bewegt sich stetig vorwärts. Der Hund hingegen verkörpert die Börsenkurse. Er ist jung, aufgeweckt, und es kann ihm nicht schnell genug gehen. Er läuft voraus und versucht, den richtigen Pfad im Voraus zu erkunden.

Genau das tun Marktteilnehmende an den Finanzmärkten: Sie versuchen stets zu antizipieren, wie sich die Konjunktur und die Gewinne der Unternehmen in der Zukunft entwickeln werden. Die Gegenwart, beziehungsweise das, was bereits bekannt ist, interessiert die Börse kaum noch, da diese Informationen bereits in den aktuellen Kursen berücksichtigt («eingepreist») sind.

An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Oft heisst es, die Finanzmärkte blickten mindestens ein halbes bis ein ganzes Jahr voraus. In einer Rezession sind viele negative Nachrichten und der erwartete Rückgang der Unternehmensgewinne bereits in den Kursen enthalten. Da die Zukunft jedoch ungewiss ist, tappt der «Börsenhund» regelmässig im Nebel.

Warum die Bewertung so komplex ist

Der Wert einer Aktie entspricht dem diskontierten Barwert aller zukünftigen Dividenden. Das Problem dabei: Mathematisch reagiert dieser Wert extrem sensitiv auf minimalste Veränderungen. Verändert sich der erwartete Zinssatz oder das prognostizierte Gewinnwachstum nur leicht, schwanken die Kurse spürbar.

Da Investorinnen und Investoren bezüglich dieser beiden Variablen nie über perfekte Informationen verfügen, liegen sie fast immer ein bisschen falsch. Die Folge sind fortlaufende, kleine Nachkorrekturen der eigenen Annahmen, was sich in täglichen Kursschwankungen niederschlägt.

Rückkopplungen zwischen Börse und Realwirtschaft

Hinzu kommt, dass Finanzmärkte und Realwirtschaft keine voneinander isolierten Systeme sind. Sie beeinflussen sich gegenseitig über starke Rückkopplungseffekte:

  • Der Vermögenseffekt (Wealth Effect): Steigen die Aktienkurse, fühlen sich viele Marktteilnehmende vermögender und konsumieren mehr. Das kurbelt das Wirtschaftswachstum zumindest kurzfristig an.
  • Der Dämpfungseffekt: Stark fallende Börsenkurse belasten die Konsumentenstimmung. Zudem werden Unternehmen zurückhaltender bei Investitionen und der Neueinstellung von Personal.

Auch diese Effekte versuchen Marktteilnehmende wiederum im Voraus einzuberechnen. Im Extremfall führt diese Dynamik dazu, dass ganze Aktienmärkte an einem einzigen Tag zweistellige Prozentbeträge an Wert gewinnen oder verlieren können.

Wenn Schocks das System erschüttern

Wir haben es also mit einem zusammenhängenden System aus Realwirtschaft und Finanzwelt zu tun. Von beiden Seiten können unerwartete Erschütterungen ausgehen:

  1. Exogene Schocks aus der Realwirtschaft: Die Covid-Pandemie legte grosse Teile der weltweiten Wirtschaftsaktivität schlagartig lahm. In der Folge brachen auch die Finanzmärkte drastisch ein.
  2. Schocks aus dem Finanzsystem: Der «Black Friday» von 1987 oder die globale Subprime-Krise von 2007 entstanden durch Fehlentwicklungen innerhalb der Finanzindustrie und zogen anschliessend die Realwirtschaft mit hinunter.

Unternehmensgewinne bestimmen die Richtung

Würde es keine Unwägbarkeiten und Risiken an den Märkten geben, gäbe es für Anlegende auch keine Risikoprämie.

Auch wenn die Kurse kurz- bis mittelfristig stark schwanken und scheinbar ein Eigenleben führen: Langfristig kehren die Börsenkurse immer wieder auf den fundamentalen Wachstumspfad der Realwirtschaft zurück und folgen schliesslich der Gewinnentwicklung der börsenkotierten Firmen – ganz wie ein Gummiband oder wie der Hund, der am Ende doch an der Leine seines Halters läuft.

Wie erleben Sie die Dynamik an den Börsen? Hält Sie die Unberechenbarkeit des Marktgeschehens vom Investieren ab, oder hilft Ihnen das Bild des vorauslaufenden Hundes bei der Orientierung? Schreiben Sie mir Ihre Gedanken dazu per E-Mail.

Disclaimer: Wir haben für den Inhalt dieses Artikels grosse Sorgfalt angewendet. Trotzdem können wir Fehler nicht ausschliessen. Die Gültigkeit des Inhalts beschränkt sich auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Über den Autor

Felix Niederer
Felix Niederer

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.

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