#74 Was ist aus ESG geworden?
Können Sie sich noch an den grossen ESG-Boom erinnern? Noch vor wenigen Jahren schien die Finanzwelt von einem historischen Wandel erfasst zu sein: Nachhaltige Geldanlagen galten als die Zukunft der Vermögensverwaltung. Doch was ist eigentlich aus diesem Trend geworden, wie ist der aktuelle Stand auf den globalen Märkten und wie hat sich dieses Segment bei True Wealth entwickelt?
ESG steht für Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung). In der Anlagewelt sollte dieses Label dafür bürgen, dass ein Fonds gezielt in umweltschonende, sozialverträgliche und verantwortungsvoll geführte Unternehmen oder Staaten investiert.
Weltweit hat dieser Trend seinen Höhepunkt jedoch überschritten. Im Jahr 2021 wurden weltweit noch bis zu 300 neue ESG-Fonds pro Quartal aufgelegt. Viele bestehende Produkte erhielten zudem durch Umbenennungen einen «grünen Anstrich», ohne wesentliche Veränderung ihres Inhalts.
In letzter Zeit kam es bei nachhaltigen Fonds jedoch zu spürbaren Mittelabflüssen: Zahlreiche Investoren haben ihre Gelder abgezogen und anderweitig angelegt. Auch die Gesamtzahl nachhaltiger Fonds ist rückläufig. Stattdessen fokussiert sich die Fondsindustrie aktuell verstärkt auf andere Segmente, wie beispielsweise aktive ETFs.
Globaler Trend und die Entwicklung bei True Wealth
Bei True Wealth ist die Nachfrage nach nachhaltigen Anlagestrategien seit Mai 2022 rückläufig. Vor einigen Jahren entschieden sich noch fast 27 Prozent unserer Kundinnen und Kunden für ein nachhaltiges Portfolio – mittlerweile ist dieser Anteil auf unter 20 Prozent gesunken.
Schaut man auf das globale Gesamtbild, wird deutlich, dass Anleger insbesondere in den USA ihre Gelder systematisch aus ESG-Fonds zurückziehen. Gemäss Daten von Morningstar war das erste Quartal 2026 bereits das vierzehnte Quartal in Folge mit Netto-Mittelabflüssen aus nachhaltigen Fonds in den USA.
In Europa verläuft die Entwicklung etwas wechselhafter: Hier wechseln sich Phasen von Zu- und Abflüssen ab. So war beispielsweise das zweite Halbjahr 2025 von deutlichen Abflüssen geprägt.
Politische Kehrtwenden und schwindende Glaubwürdigkeit
Die Abkehr vom ESG-Trend nahm ihren Anfang in den USA. Bereits im Dezember 2022 trat Vanguard aus der internationalen Klimaschutz-Allianz Net Zero Asset Managers (NZAM) aus. Im Sommer 2023 kündigte Larry Fink, CEO von BlackRock, an, den Begriff ESG nicht mehr verwenden zu wollen. Im Jahr 2024 folgten weitere Schwergewichte wie JPMorgan, State Street und Pimco mit ihrem Austritt aus der Initiative Climate Action 100+. Spätestens seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump hat sich der politische und gesellschaftliche Zeitgeist in den USA klar von ESG entfernt.
Aber auch in Europa hat die Glaubwürdigkeit nachhaltiger Anlagen gelitten. Im Gegensatz zur Schweiz versuchte die Politik in der EU detailliert zu definieren, was als «nachhaltig» zu gelten hat. Rüstungsaktien waren beispielsweise ursprünglich nach der EU-Taxonomie ausgeschlossen. Ende 2025 vollzog die EU jedoch eine 180-Grad-Wende: Die zuvor ausgeschlossene Rüstungsindustrie sollte nun plötzlich der Friedenssicherung und damit der sogenannten «sozialen Nachhaltigkeit» dienen. Solche Kehrtwenden haben bei Investoren zu Verunsicherung geführt.
Zwei fundamentale Gründe für das Scheitern des ESG-Konzepts
Dass das Konzept von ESG ins Stocken geraten ist, lässt sich im Wesentlichen auf zwei strukturelle Ursachen zurückführen:
- Fehlanreiz bezüglich der Wirkung in der Realwirtschaft: Die Fondsindustrie hat häufig suggeriert, dass ein Investment in ein ESG-Produkt die Welt direkt besser macht. Wenn Sie jedoch an der Börse einen ETF-Anteil von einem anderen Anleger abkaufen, verändert sich in der Realwirtschaft dadurch primär nichts.
- Subjektivität von Werten: ESG versucht, Wertvorstellungen abzubilden. Wertvorstellungen sind jedoch stets individuell und unterliegen dem Wandel der Zeit und des gesellschaftlichen Konsenses.
ESG hat versucht, ein Problem über den Kapitalmarkt zu lösen, das primär auf der Ebene der Politik und durch persönliches Konsumverhalten adressiert werden muss.
Was ist Ihr Standpunkt beim nachhaltigen Investieren? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail.
Über den Autor

Gründer und CEO True Wealth. Nach seinem ETH-Abschluss als Physiker war Felix erst mehrere Jahre in der Schweizer Industrie und darauf vier Jahre bei einer grossen Rückversicherung im Portfoliomanagement und in der Risikomodellierung tätig.
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